„Raus aus dem Trubel – rein in die Klarheit“: mit diesem prägnanten Satz wird das sogenannte „Greator-Festival“ in Köln beworben.
„Greator“ ist nach eigenen Angaben Europas größtes Festival für persönliche Weiterentwicklung. Es findet seit 5 Jahren jährlich in der LANXESS Arena in Köln statt und bringt mehrere tausend Teilnehmer zusammen. Auf dem Festival treten zahlreiche Coaches, Motivationstrainer, Unternehmer, Prominente und Autoren auf. Inhaltlich geht es vor allem um Themen wie: Persönlichkeitsentwicklung, Selbstverwirklichung, Erfolg und Karriere, Achtsamkeit und Spiritualität, Gesundheit und Beziehungen sowie Business- und Finanzthemen. Neben großen Bühnenvorträgen gibt es Workshops, sogenannte „Meet-and-Greets“ („Erlebe Deine:n Lieblings-Speaker:in hautnah“), Meditationen und Networking-Angebote. Das Festival versteht sich als Ort der Inspiration und persönlichen Transformation.
„Raus aus dem Trubel – rein in den Trubel“ – das war zunächst mein erster Eindruck als Reisender der Deutschen Bahn. Beim Besuch des Festivals bot sich auf dem Gelände der LANXESS-Arena ein buntes Treiben. Ein motivierendes „Hallo, schön dass du da bist!“ von fahnenschwenkenden Freiwilligen, kleine Showeinlagen im Eingangsbereich, erste Orientierungen: wo ist die Hauptbühne, wo sind weitere Bühnen im Außenbereich, wo gibt es Wasserausgabestationen (ganz wichtig!), wo sind die Messestände und die Infopoints. Man spürt bei allen Besucher:innen die Spannung und die Neugier.
Ich gestatte mir vor dem Besuch der Hauptbühne in der großen Halle einen kleinen Rundgang im Messebereich. Es kommt mir vor wie eine Esoterikmesse, aber auf Hochglanz poliert. Fast an jedem Stand finden sich Glücksräder (der neue Standard der Kundenakquise?), Motivationssprüche und Heilsversprechen: „Starte jetzt!“, „Ich war auch mal brav. Jetzt bin ich reich & frei“, „Melde dich für die Community der Erwachenden an!“, „Geschichten von Sinn, Wirkung und Wohlstand!“, „Vom Alphirten zum Seriengründer und Multi-Millionen-Unternehmer“, um nur einige Beispiele zu nennen. Dann aber war es höchste Zeit in die Halle der Arena zu gehen, ich wollte bei der Eröffnungsshow unbedingt nah an der Bühne sein, damit sich der Eintrittspreis lohnt.
A propos Eintritt: die Spanne geht vom „Silber-Ticket“ ab 99 Euro bis zum „Black Ticket“ mit Besuch einer VIP-Lounge für über 1000 Euro. Es sind tatsächlich auch einige bereit, so viel Geld in diese zweitägige Veranstaltung zu investieren.
Bei der beeindruckenden Eröffnungsshow wird nicht mit Effekten gespart. Tanzeinlagen, Gesangsperformance einer Opernsängerin, Lightshow, Soundtracks im Block-Buster-Style und natürlich Detlef D. Soost, Fitnessexperte, Choreograph und „Vorbild für gelebte Transformation“. Mit bedeutungsschwangerer Musik untermalt positioniert er seine Botschaften: Visionen, Ziele – DU kannst es schaffen, es liegt an DIR. Ich habe den Eindruck, genau wegen dieser Sätze sind die Menschen hier. Transformation, Manifestation, Klarheit, Fokus, Vision – das sind Zauberworte eines gelingenden Lebens.
Bei allem Getöse ist es dann richtig entspannend, wenn mit den Shaolin-Mönchen Shi Heng Yi und mit Shifu Zuan das Thema „Stille – der Weg zur Klarheit in einer lauten Welt“ zur Sprache kommt. Auch das Spendenprojekt „VivaconAgua“, das Brunnenbauprojekte in der ganzen Welt fördert, wird vorgestellt. Am Ende werden für dieses Projekt allein, mit dem in Uganda ein Brunnenbohrgerät finanziert wird, auf dem Greator-Festival ca. 124.000 Euro gesammelt. Ich bin beeindruckt und gespannt auf die Events am Nachmittag.
Man hat die Qual der Wahl: bei über 100 „Speakern“, Experten, Coaches und Sinnstiftern fällt die Auswahl schwer, ganz abgesehen davon, dass manche Bühnen und Workshops überfüllt sind. Ich entscheide mich unter anderem für Francisco Medina, einem Schauspieler und Coach, der Menschen hilft „ihre authentische Ausdruckskraft zu entfalten“. Medina bietet unter dem Label „MomentumMedina“ Workshops an, die aber permanent überfüllt sind. Die Keynote ist überschrieben mit dem Titel „Absolute Lebendigkeit: Der Zustand, in dem alles möglich ist.“ Hier zeigt sich schon die grundsätzliche Kritik an Vorträgen und Workshops wie diesen: Erfolgsgeschichten („Ich war früher ganz am Boden und schaut mich jetzt an“) und plakative Verwendung von Persönlichkeitstypen („Visionär, Macher, Analytiker, Hüter“) für Weiterentwicklung und Coaching, die wissenschaftlich umstritten oder fragwürdig sind, werden publikumswirksam in Szene gesetzt – es ist laut, fordernd und im Stil einer Verkaufsveranstaltung. Hellhörig macht mich auch seine Methode: „Franciscos ganzheitlicher Ansatz verbindet systemische Beratung, hypnosystemisches Arbeiten und schamanisches Heilwissen der Mapuche – tief verwurzelt in seiner Herkunft und getragen von echter Menschlichkeit.“ Das macht ihn fast schon zum Schamanen, denn „da Mapuche-Blut durch seine Adern fließt, hat er mit Schamanen seines Stammes in Chile transformierende Rituale vollzogen und erlernt.“ Die vielen positiven Rückmeldungen auf seinen Social-Media-Accounts scheinen dem Erfolg dieser Methode Recht zu geben.
Ich besuche einen Vortrag von „Bent“, bei dem du lernst, „wie du aus alten Denkmustern ausbrichst, um mutiger zu leben und neue Realitäten zu erschaffen“. Ich höre Jessica Goschala zu, der Gründerin von „The Healing Key®“, einer Methode für tiefgreifende emotionale Transformation. Ich lausche dem sehr engagierten und kurzweiligen Vortrag von Andreas „Acki“ Ackermann, der „vom Alphirten zum Seriengründer & Multi-Millionen-Unternehmer“ wurde und zeigt, „wie man durch unbändigen Umsetzungswillen und klare Visionen außergewöhnliche Erfolge erzielt“. Ich atme mit Gurudev Sri Sri Ravi Shankar (O-Ton einer der Moderatorinnen: „Der ist wie so eine Art Papst aus Indien“), dem Gründer der „Art of Living Foundation“, dessen „Atem- und Meditationstechniken weltweit über 800 Millionen Menschen erreicht haben.“
Ich erlebe eine große Mischung unterschiedlichster Angebote, manches spricht mich an, bei manchen fällt mir eine weltanschauliche Einordnung schwer, weil es eben doch nur kommerzialisierte Angebote sind und im Grunde ein Produkt verkauft werden will. Wissenschaftlich fundierte Ansätze werden präsentiert neben fragwürdigen Methoden: das im Einzelnen hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen.
Seriös erscheint mir z.B. der Vortrag von Prof. János Winkler, Gründer der Firma „fundamed“, der erweiterte Laboruntersuchungen für ein besseres Wohlbefinden anbietet. Seriös erscheinen mir auch die bereits erwähnten Shaolin-Mönche Shi Heng Yi und Shifu Zuan, bei denen es um Achtsamkeit, emotionale Klarheit und Präsenz und innere Disziplin geht. Daneben bleibe ich aber ratlos zurück an einem Messestand , der „High Performer dabei unterstützt, ihre Zellenergie und mentale Klarheit durch frequenzbasierte Lösungen auf ein neues Level zu heben.“ Auf einem Stand der „Heimatgeber Academy“ fällt mir ein „Buch mit magischem Wissen“ auf, auf meine Neugierde angesprochen, wird mir erklärt, dieses Buch sei der Schlüssel zum Erfolg, würde alle wichtigsten Methoden und Skills vereinen, und zwar in den Bereichen Finanzen, Immobilien, Mindset, Gründer, Unternehmer und Dynastie. Für nur 149 Euro im Monat gibt es den Einstieg in ein „neues, sorgenfreieres und erfolgreicheres Leben“. Außerdem könne ich bei Investition in Gold- und Silberdepots bei der Academy meine Gewinne um ein Vielfaches steigern. Ein verlockendes Angebot, ich schlage es aus und auch das Buch überzeugt mich nicht.
Ich gönne mir am Samstag weitere Vorträge von Moderator Jörg Pilawa („Das ganze Leben ist doch ein Quiz“), von der Schauspielerin und Yoga-Expertin Ursula Karven („Radikale Selbstliebe, emotionale Sicherheit und die Fähigkeit, positive Erfahrungen wirklich zuzulassen“), von der „Expertin für systematisches Trading“ Nazila Jafari („Märkte verstehen mit dem Fibonacci-Code“) und von dem jungen Unternehmer, Führungskräfte-Coach und Bestseller-Autor Wlad Jachtchenko („The Leader in You: Wie du zu einer echten Führungspersönlichkeit wirst“).
Manches ist für mich wirklich inspirierend und interessant und wenn es einfach die Beobachtung der vortragenden Person und die Wirkung des Vortrags auf die Zuhörer:innen ist. Aufstehen, hinsetzen, Hände erheben, chanten – die Menge macht nach Aufforderung alles mit. Die Speaker:innen verstehen ihr Handwerk und spielen perfekt auf der Klaviatur der Emotion und der Redekunst, sind präsent und wirken überzeugend. Die Redebeiträge sind etwa im 20-Minuten-Rhythmus getaktet, was das Zuhören zusätzlich erleichtert.
Am Samstag nachmittag höre ich noch den sehr spannenden Interviews mit Wolfgang Grupp und Frank Schätzing zu. Mit Dr. Stefan Frädrich, dem Arzt, Unternehmer, Autor und Gründer der Coaching-Plattform Greator (früher GEDANKENtanken) und seinem Vortrag tue ich mich etwas schwer. Die Ausführung seiner Gedanken im Thema „Iconic Leadership“ wirken auf mich verallgemeinernd. Die immer wieder durchscheinende Behauptung, persönlicher Erfolg hänge vor allem von der eigenen Einstellung ab und es gäbe im Zuge einer notwendigen Selbstoptimierung relativ einfache Ansätze, dies zu erreichen, greifen mir zu kurz. Da helfen mir auch pfiffige, mit KI gestaltete Bilder zur Meinungsverstärkung nicht weiter.
Worte wie „Klarheit“, „Fokus“ und „Selbstverwirklichung“ sind Dauerbrenner bei dem Festival. Es sind Worte, die Teil der Antworten sein möchten auf die Frage nach Sinn des Lebens und dem Drang nach Selbstoptimierung.
Tatjana Schnell, Professorin für Existentielle Psychologie in Oslo, forscht schon seit mehreren Jahren zum Sinn im Leben. In diesem Fall ist das Wort „im“ wichtig, denn es gibt ihr zufolge mehrere mögliche Sinnquellen, wie etwa Individualismus, Tradition, Spaß oder Religiosität. Während Lebenswege früher oft vorgegeben wurden, würde es heute eine Vielzahl an Sinnangeboten geben.
„Wir haben diese Erzählung in unserer Gesellschaft, dass wir uns optimieren müssen, dass wir produktiv und effizient sein und ganz viel aus unserem Leben rausholen sollen“, sagt Schnell. „Gleichzeitig sind wir stark eingebunden – Arbeit, Familie, Weltlage.“ Coaches lockten mit dem Versprechen, Klarheit zu bekommen und sich selbst zu verwirklichen.
„Es ist zwar wichtig, in Beziehung mit sich selbst zu sein“, sagt Schnell. „Aber viele trauen sich bei Lebensthemen nicht mehr zu, selbst Entscheidungen zu treffen.“ Sie suchten dafür Expertenrat. „Da geht Resilienz verloren.“
Für ein sinnerfülltes Leben sei es zudem wichtig, sich nicht nur mit sich selbst verbunden zu fühlen, sondern mit anderen Menschen und mit etwas Größerem: der Gesellschaft, der Natur oder der Verantwortung für künftige Generationen. Dieser Aspekt gehe in Coachings oft verloren, sagt Schnell. Statt mehr Coaches brauche es mehr Möglichkeiten, Lebensthemen untereinander und in der Gesellschaft zu verhandeln. (Quelle: Der Spiegel, Nr.55 vom 23.09.2025)
Mit diesen kritischen Gedanken biege ich in die Zielgerade des Greator-Festivals ein, in Erwartung des großen Abschluss-Events, der „Closing Space Club Kitchen“. Auf der Bühne ist im Stil einer Kochshow eine Küche aufgebaut, dazu werden Gäste eingeladen wie der Astronaut Matthias Maurer (denn auf der IS soll schließlich auch anständig gekocht werden), der Rhetorik Experte René Borbonus und der Stargeiger David Garrett. Federführend ist der Entrepreneur Bernd Breiter, der gemeinsam mit dem CEO von Greator Alexander Müller die Show moderiert und selbst kocht. Zwischenzeitlich wird per Video auch Tim Mälzer zugeschaltet, denn einen Profi-Koch braucht es bei einer Kochshow ja auch.
Bernd Breiter, der verantwortlich für „BigCityBeats“ und das Festival „WorldClubDome“ ist steht auch für das Label „SmartRebels“, bei dem es sich um eine Community im Bereich Persönlichkeitsentwicklung, Bildung und Vernetzung handelt. Im Mittelpunkt steht die Idee, Wissen zugänglich zu machen und Menschen zu ermutigen, eigenständig zu denken und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Breiter selbst fasst den Effekt von „SmartRebels“ so zusammen: „Früher durfte ich die größten Clubs der Welt bauen. Heute bringe ich eine Ministerin zum Tanzen.“ Der Anspruch geht auch in die politische Richtung. Auf der Webseite „www.werdesmartrebel.com“ liest man: „Die smarte Revolution ist kein Aufstand. Sie ist ein Aufstehen. Für die Menschlichkeit, für unsere Freiheit – für die Demokratie.“
Es werden also keine kleinen Brötchen gebacken bei dieser Veranstaltung. Man soll das Gefühl bekommen, Teil von etwas Großem und Wichtigen zu sein. Und es werden dazu alle Register des Showbiz, der Technik und der Emotion gezogen. Ganz großes Kino und DU bist mittendrin!
Nach diesem bombastischen Schluss verlasse ich die Veranstaltung, vollgestopft mit Eindrücken, mehreren Gesprächen und auch mit einigen kritischen Nachgedanken.
Ohne Frage war dieses Event für die meisten Besucher ein echtes Highlight und der Vorverkauf für das nächste Festival Anfang September 2027 hat schon begonnen. Viele Suchende haben mit Sicherheit Inspiration bekommen, haben einen Impuls für Transformation oder für „Change-Movement“ erhalten, vielleicht sogar einen Kurs bei einem der Speaker gebucht. Mich hat das Lebenszeugnis der drei Gewinner einer „Wunschausbildung im Wert von 10.000 Euro“ am Ende der Veranstaltung berührt (ich hoffe, es war keine Inszenierung!), von denen eine Person aus einem Migrationshintergrund kam, eine Person ein Lebensschicksal hinter sich hatte und eine mit einer schweren Krankheit leben muss. Das sind Geschichten, die bewegen. Ebenso wie eine Preisübergabe der „blauen Zunge“ an Düzen Tekkal, einer Journalistin und Menschenrechtsaktivistin, die sich für Menschenrechte und insbesondere für die Unterstützung von Jesidinnen einsetzt.
Andererseits irritiert mich das Laute, das Bombastische, die oft wahrgenommene Mischung zwischen Esoterik und Pseudowissenschaftlichkeit einiger Anbieter und dass man beim Gang durch das Festgelände ständig das Gefühl hat, sich weiterbilden zu müssen, weil man sonst eben nicht im Leben weiterkommt. Wie ist das bei Menschen, die labil sind, die vielleicht empfindlich auf genau diesen Selbstoptimierungsdruck reagieren? Ich habe mich auf dem Festival mit einigen Besucher:innen dazu ausgetauscht und hier gab es dazu deutliche Kritikpunkte. Zwar wird das Scheitern nicht von vorneherein als Makel gesehen, aber permanente Einblendungen von Millionärstreffen auf einer Trauminsel mit dem Milliardär Richard Branson sind an dieser Stelle wenig hilfreich. Auch dass man bei Nachfrage zu den Kosten der Ausbildungen in der Regel erst einmal ein „persönliches Erstgespräch“ vereinbaren muss und die teilweise hohen Preise nicht transparent dargestellt werden, sehe ich kritisch.
Es bleibt wichtig, solchen Angeboten und Events gegenüber aufmerksam und nachfragend aufzutreten, was nicht heißt, das man der einen oder anderen Veranstaltung, dem einen oder der anderen Speaker:in, dem einen oder anderen Angebot etwas abgewinnen kann.